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Anekdoten

Erklärung der UmständeMeine alleinerziehende Mutter beschloss auf Anraten einer Psychologin, mich in die Buchmannschule, eine private Mittelschule in Zürich zu schicken. Dies unter anderem, weil ich den Anschluss aus der Steiner-Schule in die öffentliche Sekundarschule auch wegen stofflicher Lücken nicht geschafft hätte. Mein Eintritt in die Buchmannschule erfolgte in die erste A-Klasse im Frühjahr 1960.

Mein Weg in die Reitschule des Circus Knie (1961)
Teres heisst das Mädchen unserer Klasse 2A, mit der ich mich gut verstehe in dieser neuen Umgebung. Sie ist etwas älter als wir andern, zusammen mit Ruedi, der schon ein richtiger Mann ist. Ihre Augen sind ganz grün mit kleinen braunen Punkten drin, die Haut ist schon von Natur aus bräunlich. Dazu hat sie kräftig gewelltes, schulterlanges braunes Haar. Ihr Freund René holt sie manchmal mit dem Auto ab.

Schnell haben wir herausgefunden, dass wir beide reiten. Ein paarmal waren wir schon bei Herzog, einem bärtigen Eigenbrötler. Er vermietet uns jetzt nach einem gelungenen Probeausritt die Pferde und wir sind allein unterwegs.

Es ist Sommer. Seit vergangenem Herbst hat Teres einen Esel. Die Familie hat ihn aus Jugoslawien mit dem Auto in die Schweiz geschmuggelt. Er lebt jetzt beim Hundezüchter Gredig, auf der Halbinsel Au – es leben dort auch zwei Löwen und etliche Pferde. Wir planen schon längere Zeit, dass wir die Schule an einem Nachmittag, wo wir zeichnen und eine Stunde Englisch haben, schwänzen, um das Grautier zu besuchen. Wir wollen Brelo vor dem Milchschubkarren spannen und mit ihm dann über einen Acker oder eine gemähte Wiese fahren. Ein wenig mulmig ist mir schon bei diesem Gedanken, hatte ich doch in meinem Leben noch nie eine Schulstunde geschwänzt. Teres scheint damit gar keine Mühe zu haben. In dieser heissen Juniwoche ist‘s dann soweit. Wir treffen uns am Bahnhof, Gleis zwei, mit gelöstem Retourbillet. Wir steigen in den fast leeren Bummler Richtung Wädischwil; wir probieren verschiedene Wagen aus, die alten mit den Holzbänken dann gibt es aber auch neue mit Kunststoffsitzen, dort bleiben wir. Wir sind schnell am Ziel. Dagegen dauert es eine Ewigkeit, bis wir auf der Anhöhe des Festlandes der Halbinsel ankommen, wo das Bauerngut mit den Stallungen und Hundezwingern steht. Jedes Mal wenn uns ein Auto kreuzt, geraten wir in eine Staubwolke der ungeteerten Schotterstrasse. Es bilden sich schon Ansätze von Blasen an unseren Füssen, für unser Experiment haben wir geschlossenes Schuhwerk vorgezogen. Alles ist ruhig. Ein kurzes Aufmucken der Schäferhunde, die hechelnd in ihren Zwingern liegen. Die Türe des Wohnhauses bleibt zu. Das ist uns noch so recht. Wir öffnen das Scheunentor einen Spalt, wagen einen Blick hinein ins dunkle Tenn und erkennen dort den Kopf eines geschlachteten Pferdes auf dem Steinboden. Der ist wohl für die zwei Löwen bestimmt, die auch bei Gredigs wohnen. Wir ziehen die Türe schnell wieder zu und nähern uns dem Pferdestall weiter vorne. Dort begrüsst uns Brelo in seiner Boxe. Er blickt neugierig über die Abschrankung zu uns hin. Wir finden Striegel und Bürste in einem Kasten an der Wand und bereiten das Tier auf unser Abenteuer vor. Wir mussten feststellen, dass der hellblau bemalte „Chumet“ und das dazu gehörende Geschirr für den jetzt ausgewachsenen Brelo bereits zu klein sind. Also basteln wir aus gefundenen Seilen und Pferdezügeln ein Sielengeschirr. Auch erhält Brelo noch ein Mass Hafer zur Stärkung für die bevorstehende „Aufgabe“. Dann geht’s hinaus, wir spannen das Tier vor den Milchwagen und holprig, unregelmässig geht’s vorwärts zur nahegelegenen gemähten Wiese. Abwechslungsweise darf eine auf dem Milchwagen sitzen, die Andere führt den erstaunlich willigen Esel. Nur mühsam kommen wir vorwärts aber Spass macht‘s trotzdem. Die Hitze setzt uns aber nach einer Weile doch mächtig zu und wir kehren den Wagen zur Heimfahrt um. Brelo ist das noch so recht und es geht vorwärts im flotten Tempo zurück in den Stall. Dabei erkennen wir Herr Gredig im Türrahmen des Wohnhauses, eine Zigarre im Mund im offenen Hemd mit überhängendem Bauch. „Jetzt haben sie angerufen“ sagen wir wie aus einem Munde zu einander. Mir wird seltsam leicht im Magen. Wir fahren direkt ins Tenn der Stallung, befreien den Esel von unserem gebastelten Geschirr und geben ihm Wasser. Hängen Seile und Zügel wieder in den Kasten und gehen etwas zögerlich auf das Wohnhaus zu. „So, ihr habt die Schule geschwänzt“ begrüsst uns Herr Gredig. „Kein Hauptfach“, sagten wir etwas kleinlaut und bleiben vor dem Mann stehen. „Nur Zeichnen und eine Stunde Englisch“. „Ihr fährt jetzt gleich zurück und geht nach Hause. Ich rufe jetzt die Schule an und sage, es sei alles in Ordnung und ihr seid wohlauf.“ So spricht Herr Gredig und zieht sich in den kühlen Korridor zurück. Auf der Rückfahrt versuchen wir uns vorzustellen, was am nächsten Tag passieren wird.

Am Bahnhof trennen wir uns ohne viele Worte, jede besteigt ihr Tram und besinnt sich allein auf die bevorstehende Situation zu Hause.

Als ich die Wohnung betrete, schüttelt meine Mutter gehässig den Kopf und ich ziehe mich zuerst für eine Weile in mein Zimmer zurück.

Der nächste Morgen kommt schnell. In der Schule angekommen, gehe ich die Treppe hoch zum ersten Stock, langsamer als sonst, zum Klassenzimmer, am Büro vom Boss vorbei – dieser sitzt wie immer neben der offenen Tür auf seinem alten Ledersessel und schaut den Schülern beim Eintreffen zu. Als er mich entdeckt, sagt er leise aber bestimmt „ soli Helen, chum ämal dahärä“. Ich spüre, wie ich erblasse, das Herz schlägt mir im Hals. „Ihr wart gestern bei Gredigs, Brelo besuchen,“ sagt er überraschend mild. Du und Teres schreibt einen Bericht über den gestrigen Nachmittag und dazu zeichnet ihr einen Esel, ihr hättet ja zeichnen gehabt bei Herrn Morosz“. Dem Aufschreiben des Berichts sehe ich mit Sorge entgegen, den Esel zeichnen, als Auftrag, finde ich ganz spannend. Später hören wir, der Boss habe uns schnell beim Brelo vermutet, er habe von der Geschichte der Einfuhr des jungen Tiers aus Jugoslawien nach den letzten Sommerferien in der Wäschekiste im Kofferraum des Autos gewusst.

Mein Bericht über den Nachmittag bei Brelo fällt, wie häufig meine Aufsätze, etwas zu knapp aus. Das mit Bleistift gezeichnete Bild vom jungen Esel gelang dagegen sehr gut. Beide Werke gebe ich bei meiner Ankunft am nächsten Tag beim Boss, der mich schon in seinem Türrahmen erwartet, ab. Er lächelt, wünscht mir einen guten Tag und lässt mich ziehen.

In der Zehn-Uhr Pause stehe ich, wie immer, wenn es regnet, in der Eingangshalle der stattlichen Villa, neben dem Klavier. Zwei grosse Mädchen von der obersten Klasse steuern auf mich zu und fragen, ob ich die sei, die den Esel mit Bleistift gezeichnet hat. „Ja, sag ich und stelle mich gerade vor sie hin. „Reitest du denn auch?“, fragten sie ,„ja, gelegentlich,“ gebe ich zur Antwort und füge hinzu, dass ich leider manchmal ein wenig Angst habe. „Komm doch einmal mit ins Winterlager des Circus Knie in Rapperswil, wir nehmen dort immer am Mittwochnachmittag Reitstunden“, meinten sie dazu. Ein Gefühl des Glücks huscht durch mich. Wenige Wochen ist es bloss her, seit ich beim in Zürich gastierenden Nationalcircus über Mittag zum Pferdezeichnen in der Manege sass.

Als die Grossmutter am Sonntag wie üblich bei uns zum Mittagessen eintrifft, frage ich sie bei der erst besten Gelegenheit, ob sie mir einen Besuch in der Reitschule des Circus Knie bezahlen würde. Omi fragt mich dann, wie denn das zustande gekommen sei… Sie verspricht mir mein Experiment zu berappen und bittet mich, ihr dann aber zu berichten, wie das gegangen sei. Am Montag erzähle ich den Grossen von meinem Erfolg und sie sagen mir, sie wollen mich für kommenden Mittwoch anmelden.

Ganz allein sitze ich am Mittwoch im Zug diesmal auf der anderen Seeseite, im Bummler nach Rapperswil. Viele Stationen kommen mir dem Namen nach bekannt vor. Feldmeilen, da wohnt ja der Boss.- In Rapperswil angekommen, müsse ich die Passerelle über den Güterbahnhof überqueren und anschliessend in Richtung der Berge gehen. Dann sehe ich zu meiner Rechten ein riesengrosses Gittertor wenn ich dort hineingehe, erblicke ich zu meiner Linken den Eingang zu den Stallungen und mir gegenüber das Tor zur Reithalle. Sie sei ganz modern und habe ein Dach wie man das bei älteren Fabriken sehen könne. Dort angekommen, erkenne ich den geschilderten grossen Kiesplatz mit vielen Pfützen in ausgewaschenen Löchern. Aus der offenen Tür zum Stall hörte ich mir vertraute Stimmen plaudern und lachen. Ein paar Mädchen stehen vor einer Wandtafel und diskutieren über die ihnen zugeteilten Pferde. Meinen Namen erkenne ich nun auch, daneben steht Rablo. „Der ist schon über dreissig“, sagt ein kleines Mädchen und schaut zu mir auf. „ Er ist ganz lieb“. Durch das Glasdach dringt das Sonnenlicht auf den lehmigen Boden des Stalls. Rechts und links sind Boxen und weiter hinten, Stände, soweit das Auge reicht. Die Stall-Uhr zeigt 14.55.“Komm, jetzt nehmen wir die Pferde raus, heute haben wir draussen im Paddock Stunde“ sagte eine der Grossen. In einem Abteil, wo nur weisse Pferde stehen, entdecke ich Rablo gesattelt und gezäumt. Er kaut aufmerksam auf seiner Trense. Wir befreien ihn von der Stallhalfter, kehren ihn um und räumen die Hufe aus. Dann übernehme ich das Pferd und führe es hinter den andern her hinaus auf den Paddock. Der schwere dunkelgraue Sand dringt in meine Halbschuhe, noch etwas feucht vom letzten Regen. Der weissgestrichene Koppelzaun leuchtet in der Sonne und weit hinten erkenne ich als silberglänzenden Streifen den Obersee. Wir stellen die Pferde in die Mitte der Sandbahn, alle schön in Reih und Glied. Jede zieht den Sattelgurt nach, richtet die Bügel in die passende Länge. Ein Pfleger erkennt mich als neues Gesicht und hält mir das Pferd beim Aufsteigen. Als dann betritt ein kleiner, drahtiger Mann mit schmalem Oberlippenschnurrbart das Viereck und ruft mit energischer Stimme „Abteilung anreiten“. Ich nehme die Zügel auf, lege die Beine an des Pferdes Bauch und folge meiner Vorreiterin auf den Hufschlag. Rablo schüttelt den Kopf, sammelt seine Kräfte und tut ein paar heftige ungelenke Bocksprünge. Mir wird angst und bange. „Festhalten,“ schreit der Mann in der Mitte und alle sind erstaunt ob einer solchen Aktion des sonst so ruhigen greisen Schimmels. Ich versuche mich wieder zurück in den Sattel zu schieben und die weggeglittenen Zügel wieder aufzunehmen. Den Rest der ersten Reitstunde in Rapperswil überstehe ich danach ohne weitere Zwischenfälle. Der geschilderte Nachmittag war der Anfang einer ereignisreichen Zeit im Winterlager.

Ein ungleiches PferdepaarDie Luft zitterte über den Wagondächern. Ich lief über die Passerelle zum Kniegelände. „Wär kommt wohl zum Ausreiten bei dieser Hitze?“ Kein Mensch war zu sehen bei meiner Ankunft. Ich bog ein zu den Stallungen – die Wandtafel sollte meine Neugierde stillen. Ein ungleiches Paar war da zu lesen – Bodur und Pacha. Bodur, ein junger Trakehner-Hengst im Aufbau für die Hohe Schule in der Manege und Pacha, ein übergrosser älterer Hannoveraner Dunkelfuchs mit Rammsnase – eckig, ein schlechter Futterverwerter. „Wer reitet da wen?“ überlegte ich. Da kam Köbi Guyer, der Wirt vom Bahnhofbuffet Rapperswil, auf mich zu und sagte: “So, heute reiten wir beide ganz allein aus“. Damit war alles klar – so durfte ich den eitlen Pferdemann Bodur reiten. Pacha, der Gewichtsträger, war für Köbi bestimmt. Bei dieser Erkenntnis wurde mir seltsam mulmig – so ein wertvolles Tier und alle diese Arbeitsstunden, die er schon hinter sich hatte. Auch hatte ich noch nie vorher die Ehre….. Ausser der Stallwache, dem Marokkaner, war niemand da, den ich in meine Bedenken hätte einweihen können. Also holte jeder sein Pferd – Köbi half mir beim Aufsitzen, er schien die Bedenken in meinem Gesicht zu lesen. Seine Antwort war aber nicht etwa Verständnis und Ermutigung, oder ähnlich, nein, er kündigte an, dass wir jetzt einmal schauen wollen, was das edle Tier im Gelände zu bieten habe. Bodur hob den Kopf majestätisch und tänzelte an den stillstehenden Güterwagen vorbei, beruhigte sich wieder, als wir uns durch die Strassen der Stadt Jona dem Wald näherten. Eine kühle Brise wehte uns entgegen, als wir endlich am Waldrand ankamen. Hoch über uns hörte man die Bienen summen. Die Pferdekörper waren inzwischen sehr warm geworden. “Wir gehen querfeldein und dann auf den unteren Weg,“ meinte Köbi ruhig und sprang mit Pacha über den Weggraben in den kühlen Buchenwald – im Unterholz fand sich Pacha gut zurecht, Bodur aber, war solches nicht gewohnt, blähte seinen warmen Bauch auf und verlangsamte seinen Schritt. Ich trieb das verängstigte Tier so gut ich konnte an, liess ihm die Zügel frei, damit er alles gut erkunden konnte. Schlussendlich überquerte er mit einem Riesensprung den Graben. Er bebte und wieherte aus voller Kehle, wahrscheinlich „zu Hilfe“. Köbis Abstand wurde immer grösser – da sah ich, er bleibt vor einem mir bekannten Abhang stehen. „Der will nicht etwa diesen Abrutsch machen mit Bodur“, dachte ich bei mir währendem ich versuchte die Gangart zu beschleunigen. „Doch, doch“, so war‘s. „Ich gehe da voraus“, meinte Köbi, „und warte dann unten auf dich“. Und schon hatte er Pacha, das Sportpferd, versammelt und tauchte in den Hang. Bodur trat unruhig hin und her wollte doch mitgehen, aber hatte nicht den Mut direkt zu folgen. Etwas ungelenk und zittrig liess er sich dann doch noch in die Tiefe hinuntergleiten. Ich fasste die Zügel kurz und versuchte ihn in seiner Bewegung möglichst nicht zu stören, so wie ich das gelernt hatte. Schweissgebadet und erleichtert trafen wir neben Köbi ein. Der lobte meine Aktion kurz und sagte dann, dass wir zum Schluss noch ein Bad, sprich Fussbad, in der wenig Wasser führenden Jona nehmen wollen. Ich erinnerte mich kurz an Stornella, den Lipizzaner, der ein paar Wochen zuvor ein Bad in einem Schmelzwasser führenden Bach samt seinem Reiter genommen hatte. Beim Einstieg ins Wasser ging alles gut, Bodur schien das kühle Nass zu behagen. Er scharrte zwar kurz in den Steinen herum, aber folgte seinem ungleichen Kollegen doch willig hinüber ans andere Ufer. Auf dem Heimweg war der Rappe dann zu müde, um zu scheuen oder gar zu tänzeln, er freute sich wohl auf die verdiente Dusche zu Hause und seine aufgeräumte Boxe, bereit für‘s wohlige Wälzen.